direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Virtual Electronic Poem - The Audio Reconstruction

Sebastian Benser*, Anselm Goertz+, Stefan Kersten*, Kees Tazelaar*, and Stefan Weinzierl*

* Technische Universität Berlin, Fachgebiet Audiokommunikation, Germany
+ Audio & Acoustics Consulting Aachen, Germany

Überblick

Virtual Electronic Poem (VEP) ist ein Versuch zur Rekonstruktion des Poeme électronique, eines verlorenen Meisterwerks der Medienkunst und der elektroakustischen Musik, mit Technologien der virtuellen Realität. Das Projekt wurde in den Jahren 2004 und 2005 durch eine Kooperation von

  • Virtual Reality & MultiMedia Park and Università di Torino
  • TU Berlin, Fachgebiet Audiokommunikation
  • University of Bath, Department of Computer Science
  • Silesian University of Technology Gliwice

durchgeführt und wird seitdem ständig aktualisiert, weiterentwickelt und präsentiert. Der folgende Überblick fasst das Konzept der Originalinstallation zusammen und gibt einen Einblick in die Rekonstruktion des originalen Hörereignisses, die zum großen Teil an der TU Berlin durchgeführt wurde. Dazu gehört die Restauration und Integration das noch erhaltene Audio-Quellmaterials und der technische Zugang zur Rekonstruktion des Höreindrucks im originalen Pavillion, d. h. die Simulation des Schallfeldes und die Auralisation mittels binauraler Technologie.

Für Informationen zum Gesamtprojekt s. VEP

Poeme électronique

Lupe

Das Poeme électronique ist ein Meilenstein der Mediengeschichte, der auf eine Anfrage der Firma Philips an den Architekten Le Corbusier zurückgeht, den Pavillion der Firma auf der Weltausstellung von 1958 in Brüssel zu gestalten. Le Corbusier schlug einen Pavillion vor, der einzig als temporäre äussere Hülle und Projektionsleinwand für eine Multimediapräsentation im Inneren dienen sollte [1]. Er wählte Bilder für eine audiovisuelle Präsentation aus, die an die Innenwand eines Gebildes projiziert wurden, dessen extravagante architektonische Form von Le Corbusiers damaligen Assistenten Iannis Xenakis entworfen wurde (Abb. 1).

Lupe

Die von Edgar Varese komponierte Musik bestand aus konkreten (aufgenommenen) und synthetischen Klängen, die über etwa 350 an den Wänden montierte Lautsprecher wiedergegeben wurden. Diese erlaubten es, Klänge im Raum entlang von Klangrouten zu bewegen, die durch Lautsprecherzeilen und -gruppierungen gebildet wurden (Abb. 2). Zwischen einzelnen Lautsprechern wurde über eine Matrix von Telefon-Wählscheiben und -Relays umgeschaltet. Die visuelle Präsentation war eine Überlagerung von Lichteffekten, die den Pavillion in verschiedene chromatische Gebiete (Ambiences) unterteilten, zwei geometrischen Objekten, die der Luft schwebend angebracht waren (Volumes), zwei Projektionsflächen für den Film, der Hauptsächlich aus schwarz-weissen Standbildern (Ecrans) bestand, farbigen Lichtpunkten, die zeitweise mit Fotografien gefüllt wurden (Tritrous) und anderen projizierten Elementen, wie eine rote Sonne, ein gelber Mond und glitzernde Glühbirnen als Symbol für Sterne (originale Termini in Klammern). Musik und Bilder sollten einander nicht, wie im herkömmlichen Film, illustrieren, sondern die Sinne auf getrennten, komplementären Ebenen stimulieren.

Quellen

Ausgangspunkte für die binaurale Synthese der ursprünglichen auditiven Erfahrung waren (1) die Quellsignale, die das Lautsprechersystem zum Klingen brachten, (2) Informationen über die dynamische Zuweisung der Quellsignale zu Lautsprechern oder Lautsprechergruppen, (3) Position und Abstrahlcharakteristik jedes Lautsprechers, Geometrie und Schallabsorption im Innern des Pavillions und die Festlegung einer Hörerposition für die Berechnung der binauralen Raumimpulsantworten mit Hilfe eines Computermodells des Originalgebäudes. Erkenntnisse,die aus historischen Quellen gezogen werden konnten, werden im folgenden Abschnit diskutiert.

Die Klänge wurden von Magnetfilm mit drei Audiospuren abgespielt. Ein zweiter 15-Spur Magnetfilm stellte insgesamt 180 verschiedene Kontrollsignale für die Verräumlichung der Klänge und die automatisierten visuellen Effekte zur Verfügung. Der dreispurige Magnetfilm, der in den Archiven des Sonologischen Instituts in Den Haag ?zu finden? ist, kann augrund des ?Essigsyndroms? nicht mehr abgespielt werden. Im Jahr 2000 entdeckte Kees Tazelaar im selben Archiv vier Bänder (drei Mono, ein Stereo), die offensichtlich vonVarese als Produktionsbänder für den Magnetfilm hergestellt wurden. Diese Bänder (76.2 cm/s 1/4" Magnetband) waren in gutem Zustand. Jedes Band hatte einen ?HEADER? mit Klicks zurSynchronisation.

Die in den Kontrollsignalen kodierten Verräumlichungsinformationen können nicht mehr den richtigen Lautsprecherpositionen zugewiesen werden, selbst wenn der Magnetfilm überspielt werden könnte, da die exakte Spezifikation der Audiomatrix und des Signalflussnetzwerkes nur unzureichend in den verfügbaren Quellen dokumentiert ist [2]. Es liegt jedoch ein 30-sekündiger Ausschnitt aus Vareses Kontrollsignalpartitur vor, aus dem der Stil der Verräumlichung abgeleitet werden kann. Diese 30 Sekunden wurden mittels einer notwendigerweise subjektiven Spatalisierung auf die Gesamtkomposition "extrapoliert" [3]. Die Kontrollsignalpartitur wurde anschliessend in eine textuelle Repräsentation von Lautsprecherschaltzeiten umgesetzt, die zur Echtzeitkontrolle der Auralisation dient.

Simulation

Lupe

Auf der Basis von Xenakis' Design konnte anhand von Originalzeichnungen und Fotografien ein 3D-Modell des Gebäudes in Form von hyperbolischen Paraboliden erstellt werden. Das gleiche Vorgehen wurde für die Identifikation der Position der 350 Lautsprecher angewandt. Das 3D-Modell der visuellen Renderingsoftware wurde in eine akustische Simulationssoftware (EASE 4.1) mit einer Auflösung von 600 Flächen übernommen (Bild 3). Für die akustische Raumsimulation wurde den Wandelementen mit einer Kantenlänge von 5 cm und einer Tiefe von 3 cm der Absorptionskoeffizient von aufgespritztem Asbest zugewiesen, woraus für den Pavillon eine Nachhallzeit von 0,7 Sekunden resultiert. Richtcharakteristik und Frequenzgang der originalen Philips Lautsprecher vom Typ 9710M wurden durch eine Balloon-Messung im reflexionsarmen Raum ermittelt und in EASE importiert. Für jeden der 350 Lautsprecher und für eine zentrale Hörposition im Raum wurde ein kompletter Datensatz von binauralen Raumimpulsantworten einer Auflösung von 1° in horizontaler und 5° in vertikaler Richtung berechnet. [4]

Auralisation

Lupe

Die binaurale Auralisation des Poeme électronique wurde mit einer neu entwickelten Anwendung realisiert, welche die "Partitur" mit der Zuweisung der Audiospuren zu Lautsprechergruppen und die Signale eines Headtrackers einliest. Die große Datenmange an Impulsantworten von 100 GB liegt auf Festplatte vor. Wenn der Hörer seinen Kopf bewegt, werden bei Bedarf die passenden Impulsantworten von Festplatte geladen, während ein asynchroner, vorrausschauender Algorithmus Impulsantworten im Bereich der aktuellen Kopfposition in den Zwischenspeicher (RAM Cache) vorlädt. Die drei Spuren werden gleichzeitig abgespielt und mit der binauralen Impulsantwort für die aktuelle Kopforientierung des Hörers und den gerade aktiven Lautprechergruppen gefaltet (Bild 4). Eine zweite 3D-Engine für visuelle Bildberechnungen verwendet das Objektmodell mit Texturen und projizierten Bildern und liefert eine stereoskope Projektion für ein Head Mounted Display.[5] Diese immersive audiovisuelle Umgebung macht damit somit ein Schlüsserwerk der audiovisuellen Medienkunst etwa 50 Jahre nach dessen Zerstörung ein zweites Mal erlebbar.

  • [1] « Je ne ferai pas de pavillon; je ferai un Poème électronique avec la bouteille qui le contiendra. Le bouteille sera le pavillon, et il n’y aura pas de façade à cette bouteille », Le Corbusier, cited in O. Vivier, Varèse, Paris, Seuil 1973, p. 161
  • [2] Most of the technical information is provided by Philips Technisch Tijdschrift 20 (1958), nos. 5-7
  • [3] It should be noted that Varèse made little contribution to the original spatialisation, which was mainly under the supervision of his technical assistant, W. Tak
  • [4] Christoph Moldrzyk, Wolfgang Ahnert, Stefan Feistel,Tobias Lentz & Stefan Weinzierl (2004), Head-Tracked Auralization of Acoustical Simulation, 117th AES Convention Paper, San Francisco 2004
  • [5] For a despription of the visual reconstruction see V. Lombardo et al., The Virtual Electronic Poem (VEP) Project, Inter-national Computer Music Conference (ICMC), Barcelona 2005


Dieses Projekt wurde von der EU-Kommision im Rahmen des Kultur 2000 Programmes gefördert (CLT2004/A1/CH/IT-352).

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.